Erlebnisberichte und Erinnerungen

Aus den „ Erinnerungen“ von Johannes Wenzel, Leipzig

Erlebnis Masserberg

(Aus den „ Erinnerungen“ von Johannes Wenzel, Leipzig)

Obwohl in der DDR eingemauert, zumindest was die Grenzen nach dem Westen betraf, so war unsere Familie wie viele andere auch bemüht, die Freiräume zu nutzen, die für einen erlebnisreichen Urlaub noch vorhanden waren. Zum Einen gab es natürlich Möglichkeiten, im Inland Ferien zu machen, zum Anderen standen die Tore, die in die östlichen „Bruderländer“ führten, halb offen. Auf jeden Fall war es aber nicht ganz einfach, eine der beiden Möglichkeiten zu realisieren. Hinsichtlich der Variante Inland hatten wir insofern Glück, dass uns seit der Mitte der sechziger Jahre das Kurhaus Masserberg, das zu einem Ferienheim der Sächsischen Akademie der Wissenschaften umfunktioniert worden war, sommers wie winters zur Verfügung stand. Den Kontakt zum Kurhaus nahm meine Frau Eva auf, als sie, wir waren gerade von unserem ersten Aufenthalt in Finnland in die DDR zurückgekehrt, unsere Söhne Christian und Schorsch bei unseren Großeltern ablieferte, die in Masserberg bei der Friseurs Familie Koch Urlaub machten. Ich hatte Eva gebeten, einen geeigneten Urlaubsplatz ausfindig zu machen, der wenigstens einigermaßen den Vorstellungen entsprach, die wir im westlichen Ausland gewonnen hatten. Auf keinen Fall wollte ich mich mit Hilfe einer Waschschüssel reinigen und in der Küche der Wirtsleute zum Morgenkaffee niedersetzen müssen, wie es für den Normalstandard der DDR selbstverständlich war. Eva war zunächst ziemlich ratlos, ging dann aber einem Hinweis meiner lieben Mutter nach, die sie auf das Kurhaus in Masserberg aufmerksam gemacht hatte. Man muss wissen, dass damals das Kurhaus mit einem Nimbus der Unnahbarkeit, des Besonderen umgeben war. Besonders deshalb, weil sich herumgesprochen hatte, dass hier nur Professoren und andere „bedeutende“ Leute verkehren würden, so wie es das Schild, das am Haupteingang befestigt war, erahnen ließ: „Kurhaus Masserberg – Vertragsheim der Sächsischen Akademie der Wissenschaften.“ Dazu kam, dass das Kurhaus schon in den zwanziger Jahren im gesamten südthüringischen und nordbayrischen Raum eine bekannte Adresse war ob seiner guten Küche und angenehmer komfortabler Übernachtungsmöglichkeiten. Die Familie Zitzmann, die das Anwesen besaß und sich mit ihm einen gewissen Wohlstand erarbeitet hatte, gehörte, um es kurz zu machen, zu einer Schicht des Bürgertums, der es nun im Sozialismus an den Kragen gehen sollte. Dass es in diesem konkreten Fall nicht dazu kam, war wohl ausschließlich Prof. Frings, dem mächtigen Präsidenten der Akademie, zu verdanken, der – aus welchen Gründen auch immer –mit dem Kurhaus bekannt wurde und es schließlich als Heim der Akademie einer neuen Aufgabe zuführte, ohne dabei die Besitzverhältnisse anzutasten. Geändert hatten sich nur die Besucher. Waren es früher mehr oder weniger reiche Kaufleute, Mittelständler und vielleicht auch Industrielle, so dominierten nun die angesehenen Mitglieder der Akademie, auf die trotz ihrer meist bürgerlichen Herkunft und Gesinnung die neue sozialistische Gesellschaft nicht verzichten konnte oder wollte. So existierte, wie wir bald erfahren durften, eine „Insel der Glückseligkeit“ inmitten einer trostlosen sozialistischen Umgebung.

Eva kam also meiner Bitte und der Empfehlung meiner Mutter nach und wagte – gewiss nach einigem Zögern - das Gebäude zu betreten. Sie konnte damals noch den Haupteingang benutzen, der in späteren Jahren verschlossen war, durchschritt zunächst einen großzügigen Raum, der offensichtlich für die Ausrichtung von Festlichkeiten vorgesehen war und ob seiner Ausgestaltung, es dominierte eine dunkle Täfelung, die ihren Ursprung in der Kaiserzeit der Jahrhundertwende hatte, eine uns unbekannte Vornehmheit ausstrahlte. Ihr Blick, der auch in die Höhe ging, fiel dabei auf eine Kanzel, die offensichtlich für die Musiker gedacht war, die bei entsprechenden feierlichen Anlässen aufzuspielen hatten. Erlebt haben wir ein solches Ereignis allerdings nie. Also, Eva war von einer neuen Welt umfangen und erreichte, den Festsaal hinter sich lassend, einen mit einem roten Läufer ausgelegten Gang, auf dessen linker Seite sich, wie ein Schild wissen ließ, das Büro befand. Nicht, dass man einfach eintreten konnte. Nein, die Tür glich einem Schalter mit einem Schiebefenster, durch das man sein Anliegen vorzutragen hatte. Eva hatte das Glück, auf Herrn Zitzmann selbst, einen älteren, etwas kraft- und saftlos wirkenden Herrn zu treffen, der sie sofort nach ihrem Begehr fragte. Sie berichtete und verschwieg nicht, dass wir gerade aus Helsinki gekommen wären und dass ich dort als Germanist an der Universität gearbeitet hätte. Herr Zitzmann nickte zu allem mit dem Kopf, notierte auch einige der Angaben auf einem Zettel und erklärte schließlich, er würde uns Bescheid geben. Die Audienz war damit beendet und Eva hatte das Gefühl, dass das mit dem Bescheid wohl nur ein leeres Versprechen wäre. Hier hatte sie sich geirrt. Zehn Tage später etwa erhielt sie die Nachricht, dass wir, das Ehepaar, nicht aber die Kinder, die durften damals generell noch nicht mitgebracht werden, im September für zwei Wochen kommen könnten oder besser dürften. Was den Ausschlag für diese positive Entscheidung gegeben hat, ist schwer zu sagen. Vielleicht waren es meine „finnische Herkunft“ oder der Fakt, dass ich bei Frings studiert hatte. Möglicherweise hatte er sich auch beim Herrn Präsidenten über mich erkundigt. Für wahrscheinlicher halte ich allerdings, dass er einfach von Eva begeistert war und ihr keinen Korb geben wollte. Damit war das Signal auf Grün gestellt, ein Signal, das uns und in späteren Jahren vor allem auch unseren Kindern freie Fahrt gab in eine Welt, die uns sonst im Sozialismus verschlossen geblieben wäre.

Mit Spannung sahen wir dem ersten Urlaub entgegen. Noch reisten wir mit dem Taxi an, ein eigenes Auto besaßen wir nicht. Herr Schmidt, der Masserberger Taxifahrer, hatte uns vom Bahnhof Ilmenau abgeholt. Wir wussten von unseren Eltern, dass er ein freundlicher Vielerzähler war, und waren daher nicht erstaunt, dass er uns die ganze Fahrt über unterhielt, wobei er in der rechten Hand, mit der er locker das Lenkrad bediente, stets eine Zigarette hielt. Als wir im Hof des Kurhauses angekommen waren und diesmal den Seiteneingang benutzten, der in der Praxis als Haupteingang fungierte, begrüßte uns eine freundliche Dame, von der ich annahm, dass sie so eine Art Empfangsdame sei. Bald darauf sollte sich aber zu unserer Verwunderung herausstellen, dass sie die Frau des Jenenser Medizinprofessors Becker war, die vor allem die Neulinge unter die Lupe zu nehmen hatte. Vom eigentlichen Personal bekamen wir zunächst nichts zu sehen, da es sich in der geräumigen Küche eingeschlossen hatte zur Vorbereitung des Abendbrotes. Natürlich lernten wir die Damen bald kennen. Küchenchefin und unbestrittene Respektsperson für alle war Frl. Hertha, die Nichte von Herrn Zitzmann, die allerdings schon Anfang der siebziger Jahre über 60 Jahre alt war. Sie war es, die, aus den Küchenfenstern schauend, mit kritischen Blicken alles verfolgte, was auf dem Hof passierte. War sie mit irgendwelchen Vorgängen nicht einverstanden, so ließ sich das leicht an ihrer Miene ablesen, zu sprechen brauchte sie deshalb nicht. Und ging es ihr allzu stürmisch zu, dann wurde die Küchentür geschlossen. Und wehe dem, der trotzdem Einlass begehrte. Überhaupt hatten nur wenige Auserwählte Zutritt zu ihrem Heiligtum. Und wer gar nach dem Abendessen das Recht hatte, an dem länglichen Küchentisch zu einem Plausch Platz zu nehmen, der gehörte zur eigentlichen Gralsrunde. Ich glaube schon, dass sich manche Frauen weltbekannter Professoren oder auch diese selbst maßlos gegrämt haben, wenn sie trotz allen Bemühens in diesem erlauchten Kreis keine Aufnahme fanden. Ich behaupte, dass das hochachtungsvolle „Frl. Hertha hat gesagt...“ in keinem der vielen Gespräche fehlte, die von den Kurhaus Besuchern geführt wurden. Frl. Hertha zur Seite stand Frl. Elfriede, die im nahen Gießübel zu Hause war, aber nur äußerst selten dorthin Urlaub bekam. Auch sie war eigentlich immer präsent.

Also, nun waren wir da und hatten unser Zimmer bezogen. Wenn ich mich recht erinnere, war es das geräumige sogenannte Hochzeitszimmer im 1. Stock ganz links, das noch eine kleine Veranda aufwies mit einem bezaubernden Blick auf Wiesen und auf die Hügel in der Ferne. Unser Raum verfügte, was für die damaligen Verhältnisse nicht selbstverständlich war, über 2 große Waschbecken, in die eine großzügig verchromte Batterie aus den zwanziger Jahren Warm- und Kaltwasser fließen lassen konnte. Ich sage deshalb konnte, weil der Wasserdruck schon damals recht unterschiedlich war, so dass wir relativ oft, vor allem natürlich mittags und abends, die Hähne erfolglos auf- und zudrehten. Dass es keine Innentoiletten gab, war für uns kein Thema, da diese in der DDR keine Selbstverständlichkeit waren. So mussten wir, zusammen mit all den anderen Bewohnern unserer Etage ein Klo benutzen, getrennt nach Damen und Herren. Dass uns aber nicht einmal die abgewetzten Holzbrillen störten, ist mir heute noch ein Rätsel. Anstoß wurde nur an dem Wassermangel genommen, der natürlich auch die Toiletten nicht verschonte. Doch das war schon fast der einzige Kritikpunkt damals, den man wegen der anderen Vorzüge des Hauses sehr schnell zu vergessen bereit war.

Zu diesen gehörten das Flair und die Eleganz der Speiseräume, die mich an Thomas Manns Schilderungen im „Zauberberg“ erinnerten. Wir lernten sie kennen, als uns nach unserer Ankunft die große Glocke, die vor der Küche hing, zum Essen rief. Allein schon das war völlig ungewohnt. Dann betraten wir, durch den eigentlichen Speisesaal schreitend, zum ersten Male die Veranda, die in den Sommermonaten die hungrigen Gäste aufnahm. Von ihr aus hatte man einen wunderschönen Blick auf den sommerlichen Garten. Schon am Eingang zur Veranda hing ein Zettel mit der Speisenfolge des Tages, von Herrn Zitzmann selbst geschrieben. Dann wurden wir platziert, d.h. wir erhielten einen Tisch zugewiesen, der für den ganzen Aufenthalt gedacht war. Es wäre unmöglich gewesen, ihn selbst zu wechseln, denn auch hier gab es so etwas wie eine Rangfolge. Diejenigen, die schon alteingesessen waren, also seit vielen Jahren Kurhausbesucher, hatten natürlich das Recht, die besten Plätze einzunehmen, also die, von denen aus man direkt auf den Garten schauen konnte. Hier saß, um nur ein Beispiel zu nennen, hoch geachtet Prof. Frings mit seiner Frau. Wir Neulinge saßen auf der gegenüberliegenden Seite und konnten uns nur gedanklich vorstellen, dass wir zukünftig, sollten wir öfters hier Einkehr halten, so nach und nach in die höheren Regionen vorrücken würden. Im Unterschied zum Mittagessen, das persönlich in der Küche abgeholt werden musste, stand das Abendbrot schon meist auf den Tischen. Mir gingen die Augen über, als ich die Aufschnittplatte mit den vielen Köstlichkeiten sah, die damals in der DDR absolute Mangelware waren. Bester Schinken, harte Wurst, Käse, Gurken, alles war vorhanden und auch noch reichlich. Nicht minder üppig gerieten die übrigen Mahlzeiten. Morgens gab es selbstverständlich Bohnenkaffee, dazu Brötchen in einer Qualität, die ich seitdem nicht wieder erlebt habe. Die Marmelade, die auf dem Tisch stand, war von Frl. Hertha und ihren Helfern selbst gekocht, so dass man sie am liebsten ohne Zubrot gelöffelt hätte. Und nie habe ich erlebt, dass die Eier, die gereicht wurden, zu hart gekocht gewesen wären. Es war nämlich die spezielle Aufgabe Frl. Elfriedes, das Eierkochen mit der Uhr in der Hand zu überwachen. Mittags wiederum gab es stets 3 Gänge, wobei uns die wunderbaren Vorsuppen und die Nachspeisen besonders mundeten. Bestimmte Herren, zu denen später auch ich gehörte, besaßen das Privileg, sich einen Nachschlag zur Suppe zu holen. Eine besondere Rolle spielte der Nachmittagskaffee, er war, wenn man so will, die eigentliche Krönung der Mahlzeiten. Ein Gedicht war schon die Qualität des Kaffees, der in Kännchen und Tassen geboten wurde, die extra für das Kurhaus angefertigt worden waren. Um ein Tropfen auf die blütenweißen Decken zu vermeiden, waren die Schnäbel der Kannen mit einem Tropfenfänger der Firma Hag versehen, die es im Osten schon seit langem nicht mehr gab. Also auch hier noch alte Zeiten. Doch das alles wurde von der Güte des Kuchens in Schatten gestellt, der fast jeden Tag von Frl. Hertha zur gleichen Zeit und nach gleichen Rezepten gebacken und gegen 16 Uhr den Kurhausgästen gegen ein geringes Entgelt auf die Teller gelegt wurde. D.h., man zahlte nicht direkt, sondern alles wurde aufgeschrieben, meist von den Gästen selbst, und dann am Ende des Urlaubs aufgerechnet. Der Streuselkuchen, dessen Duft jedem, der an der Küche vorüberging, in die Nase zog, bestach, weil er so wattig und trotzdem gehaltvoll war. Dazu kamen die Obstkuchen in Tortenform, die mit ihrem dünnen Boden den Geschmack der Früchte besonders hervortreten ließen. Einmal gab es Pflaumen-, ein anderes Mal Kirschkuchen. Nur bei der Quarktorte schieden sich die Geister, weil hierfür ab und zu auch Ziegenquark genommen wurde, was nicht immer dem Geschmack der Gäste entsprach. Diese Kaffeezeit war so heilig, dass selbst Wanderungen und Spaziergänge in ihrer Dauer nach ihr ausgerichtet wurden. Nur die Wenigsten waren bereit, auf diesen nachmittäglichen Genuss zu verzichten. Das galt besonders dann, wenn es in der Faschingszeit zusätzlich frisch gebackene Pfannkuchen gab. Dann musste eine Wanderung nach Friedrichshöhe und zurück zwischen 13,30 und 16 Uhr abgewickelt werden.

Natürlich, noch wichtiger als diese Annehmlichkeiten waren die Bekanntschaften, die sich automatisch aus unserem Aufenthalt ergaben. Dass wir so leicht in diese exklusive Gesellschaft aufgenommen wurden, hing wohl auch damit zusammen, dass wir aus Finnland kamen, was damals als exotisch galt. Wer kannte schon dieses nordische Land aus eigener Erfahrung. Immerhin: Westreisende unter den Professoren waren keine Seltenheit, was sich auch daran erkennen ließ, dass diese ab und zu für die Kurhausbewohner dankbar aufgenommene Lichtbildervorträge über ihre Reisen ins sogenannte kapitalistische Ausland hielten. Wenn ich von einer exklusiven Gesellschaft spreche, so eigentlich nur in der Hinsicht, dass wir mit einer Kategorie Menschen unsere Ferien verbringen durften, die in der sozialistischen Gesellschaft immer rarer geworden war. Im Grunde genommen waren sie alle ganz normale Menschen mit klarem Verstand und einer bürgerlich-humanistischen Gesinnung. Wir waren damals jung, zwischen dreißig und vierzig Jahre alt, und wurden von vielen älteren Ehepaaren entsprechend warmherzig aufgenommen. Es würde zu weit führen, sie einzeln aufzuführen. Doch Erwähnung sollte das Ehepaar Dr. Lange aus Halle finden, das selbst drei Söhne hatte, von denen aber der eine mit kaum zwanzig Jahren an Krebs gestorben war. Frau Lange zeigte immer ein mütterliches Verständnis, wenn unsere Probleme zur Sprache kamen, und nicht zuletzt waren immer sie es, die uns in verflixten Situationen Mut zusprachen und aus eigener Erfahrung um Auswege wussten. Da wir damals noch kein eigenes Auto besaßen, wurden wir oft aufgefordert, mitzufahren, wenn es darum ging, die Gegend zu erkunden. Herr Dr. Lange, in seiner unnachahmlichen Art immer zu Scherzen aufgelegt, ließ jeden Ausflug zu einem Ereignis werden. Dass später fast die ganze Familie Lange einen ähnlichen Tod fand wie ihr erster Sohn, gehört zur Tragik des menschlichen Lebens. Unvergessen sind auch die Seiges, denen wir uns bis zum heutigen Tage verbunden fühlen: Konrad Seige, Medizinprofessor in Halle, und seine junge Frau Brigitte, zu deren Kindern auch unsere Söhne heute noch in freundschaftlicher Beziehung stehen. Sehr gern erinnern wir uns auch an Herrn Dr. Hohnkamp, einen Gynäkologen aus Jena, und seine Frau. Dass wir sie bei unserer ersten Begegnung positiv beeindruckt haben mussten, erfuhren wir später, als uns unser Freund Rüdiger Hauschild, der Schwiegersohn der Hohnkamps, erzählte, dass beide, nach Jena zurückgekehrt, ihren Kindern von uns berichteten und sie dringend aufforderten, das nächste Mal mit nach Masserberg zu kommen, um uns kennen zu lernen. Dass daraus eine lange Freundschaft mit vielen schönen, aber auch bitteren Erlebnissen werden sollte, war damals noch nicht abzusehen. Ungemein nett waren auch ein Leipziger Juwelierehepaar und Frau Scholle aus Eisenach. Sie war mit einem Mitarbeiter der Wartburgwerke in Eisenach, Herrn Horn, liiert, der uns in späteren Jahren bei der Suche nach einem Ersatzteil für unseren Wartburg im Werte von 75 Pfennigen helfen sollte. Als Rentnerin durfte sie schon damals ihre wohlhabenden Verwandten im Westen aufsuchen. Das war insofern interessant, als sie an ihrem Reichtum an Schokolade, Pfeffis und anderen Süßigkeiten so gut wie alle teilhaben ließ, eine Eigenschaft, die sie später besonders bei den Kindern äußerst beliebt machte.

Die Kinder! Wie schon gesagt, bei unseren ersten Aufenthalten waren Kinder noch verboten. Erst, als die ältere Generation im Kurhaus immer spärlicher wurde und die Neuzugänge, die Jungen, zunahmen, wurden nach und nach die Verbote gelockert. Zu unserer Überraschung durften plötzlich einige Ehepaare ihre Kinder – natürlich unter Auflagen – mitbringen. Und als dann zu Beginn der siebziger Jahre der alte Herr Zitzmann gestorben war, brachen die Dämme völlig. Damit begann eine Zeit, die für unsere Kinder, und ich meine damit nicht nur uns, sondern alle Familien, die im Kurhaus mit ihren Kindern ihre Ferien verbringen durften, für ihr ganzes Leben prägend war. Wenn ich von einem Dammbruch spreche, so heißt das natürlich nicht, dass nun jeder, der wollte, im Kurhaus einziehen durfte. Weiterhin herrschten ungeschriebene strenge Gesetze. So blieb es immer spannend, ob man kommen durfte oder nicht. Da aber Frl. Hertha in ihrem Innersten äußerst kinderlieb war, kamen Hausverbote für Ehepaare mit Kindern wohl kaum vor. Ich jedenfalls wüsste keinen einzigen Fall. Nachdem wir also ohne Kinder unseren Einstand in Masserberg gegeben hatten, dauerte es nicht lange, bis wir mit Christian und Schorsch anreisen durften. Beide fügten sich problemlos in die immer größer werdende Kinderschar ein, und viele der damals geschlossenen Freundschaften halten felsenfest bis zu heutigen Tage. Seiges, die natürlich auch ihre beiden Kinder mitbrachten, habe ich schon erwähnt. Dazu kamen Dr. Geilers Söhne und der kleine Hauschild, der durch seine besondere Tollkühnheit hervorstach. Die Kinder trafen sich meist zweimal im Jahr, im Sommer und dann im Februar zum Wintersport, und sie erlebten immer wieder unvergessliche Tage. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass ihnen allen das Kurhaus zur 2. Heimat wurde. Wie wäre es sonst zu erklären, dass, um bei uns zu bleiben, beide Kinder in Masserberg kirchlich getraut wurden und auch wir unsere Silberhochzeit im Kurhaus ausrichteten. Unvergessen sollten vor allem die Hochzeiten bleiben. Ließ sich Kerstins und Christians Festzug von der Kirche zum Kurhaus auch als eine Art systemkritische Demonstration verstehen, so wurde die Hochzeit unserer Mischa und unseres Schorschs zum Symbol der erreichten Wiedervereinigung. Denn nirgendwo stärker fühlten wir die deutsche Teilung als dort in Südthüringen. Wie oft standen wir mit den Freunden und den Kindern auf dem Simmersberg, um sehnsuchtsvoll in Richtung Veste Coburg, Vierzehnheiligen oder Schloss Banz zu schauen. Meist waren diese dunstverhüllt, doch das machte nichts. Allein schon das Wissen, dass sie dort liegen müssten, verstärkte in uns das Gefühl der Zusammengehörigkeit, aber auch der Wut auf ein System, das uns gnadenlos daran hinderte, von Deutschland nach Deutschland zu gehen. Wenn unsere Kinder einen politischen Standpunkt gewonnen haben, so nirgendwo anders als hier. Wie oft erörterten wir damals Möglichkeiten, das Land illegal zu verlassen. Für Jüngere ist es schon nicht mehr nachvollziehbar, wie wir damals unter der Teilung litten. Uns ging es wahrlich nicht nur um Bananen oder schöne Autos. Ausschlaggebend war die Teilung, die Tatsache, dass ein Volk, das seit Jahrhunderten zusammengehörte, willkürlich auseinander gerissen worden war, und dass der Teil, der nach der Nazi- Diktatur nunmehr unter kommunistischer Herrschaft ein beispielloses Maß an Unfreiheit erleben musste, möglichst für ewig von dem anderen unüberwindbar getrennt leben sollte.

Dass über die Wende hinaus das Kurhaus Masserberg trotz seines immer sichtbarer werdenden Verfalls und des inzwischen biblischen Alters von Frl. Herta seine Bedeutung noch immer nicht verloren hatte, zeigte sich daran, dass es mehr und mehr zu einem Ort gesamtdeutscher Begegnungen wurde. Wie oft verbrachte hier Schorsch mit seinen westdeutschen Freunden diskussionsreiche Wochenenden. Umso trauriger ist es, dass nunmehr – nach dem Tod von Frl. Hertha – diese Tradition keine Fortsetzung finden wird. Noch immer ist es für uns unverständlich, dass es nicht einmal möglich war, auf würdige Weise von Frl. Hertha Abschied zu nehmen. Wir wissen bis zum heutigen Tage nicht, wann und wo sie beigesetzt worden ist. Sollte das ihr Wunsch gewesen sein?

 

Erinnerungen an Masserberg von Dr. Klaus Lehnert

Erinnerungen an Masserberg von Dr. Klaus Lehnert

Dass meine Eltern das einigermaßen entlegene Masserberg (ab jetzt immer M) als jahrzehntelang aufgesuchtes Urlaubsziel wählten, mag dadurch begründet sein, dass mein Vater in Hildburghausen studierte (das dortige, nach 1945 eingegangene "Technikum" [eigentlich "Höhere technische Staatslehranstalt"] verlieh ihm 1922 nach knapp zweijährigem Studium den Ingenieurstitel).  Vor dem Bau der Autobahnen führte der nächste Weg von Halle nach H. über den Kamm des Thüringer Waldes, ein kleiner Umweg berührte M.  Mein Vater als Kraftfahrer des 1. Weltkriegs hatte "immer" ein Auto, wahrscheinlich auch 1921 bis 1922 schon.

Meine Eltern logierten im "Kurhaus", das eigentlich keines war, sondern ein Hotel mit dem Namen "Hotel Kurhaus".  Es wird weiter unten noch vorgestellt, einstweilen sei immerhin mitgeteilt, dass es heute (2015) ungenutzt ist und sich zur Ruine entwickelt. So weit ich mich erinnere, wurde ich 1935 oder -36 zum ersten Mal dorthin mitgenommen. Wir fuhren im Herbst dorthin, also weder im Sommer noch im Winter, es waren reine Wanderurlaube. Ganz genau erinnere ich mich der Ankunft mit meiner Mutter im Jahr 1939:  Der Besitzer Herr Zitzmann bat uns in sein kleines Büro, und da lag zwischen weiterer eben einge- gangener Tagespost ein großer Brief aus der Schweiz mit den mir als Philatelisten wohlbekannten Sondermarken von der Schweizerischen Landesausstellung eben dieses Jahres. Mir fehlte der Mut, Herrn Z. um Überlassung des Umschlags oder wenigstens der Marken zu bitten.

Mit dem Auto fuhr man von Halle nach M. über Rudolstadt und Bad Blankenburg, dann das Schwarzatal hinauf bis Katzhütte, von dort auf einer richtigen Gebirgsstraße über Oelze und Massermühle hinauf auf die Höhe. Diese Straße ist mir noch als einspurig in Erinnerung, in Abständen gab es Verbreiterungen (Ausweichen), die man nutzte, wenn Fahrzeuge entgegen kamen. Wenn meine Mutter allein mit mir reiste, wie 1939, fuhren wir von Halle bis Rudolstadt mit einem Eilzug und von dort mit einem Personenzug (heute würde er Regionalbahn heißen) durch das Schwarzatal nach Katzhütte.  Manchmal musste in Rottenbach umgestiegen werden.  Bei einer solchen Gelegenheit -- es mag 1941 gewesen sein --  gab es eine Wartezeit, die zum Mittagessen in der Bahnhofsgaststätte genutzt wurde, man servierte uns Bratkartoffeln mit Pfifferlingen, damals, als die kriegsbedingte Knappheit schon spürbar wurde, eine Sensation, es schmeckt mir heute noch!  Die Zugfahrt das Schwarzatal hinauf bot viel mehr, als die Autofahrt über die im Talgrund liegende Straße, schon weil die Strecke etwas höher am Hang verlief, teilweise auf gewaltig hohem Damm. So sah man die ewige (bis heute!) Ruine von Schloß Schwarzburg, das hübsche Bahnhofsgebäude von Schwarzburg, die Steilstrecke der Oberweißbacher Bergbahn. In Katzhütte angekommen löste sich die Lok der DR-Baureihe 93 (früher pr T 14) vom Zug, rückte zum Prellbock vor und verweilte dort leise zischend und sichtlich geschwächt von dem fast 230 m betragenden Anstieg seit Rudolstadt.  In den 30-er und 40-er Jahren hatte man in Katzhütte Anschluß an einen nach M. fahrenden Postomnibus.  Wie meine Eltern das bewerkstelligten, die Fahrzeiten der Züge herauszubekommen und ob der Bus fuhr oder nicht, das weiß ich nicht. Es hat jedenfalls immer geklappt!  Kam man mit dem Bus, wurde man vom Hausmeister des Hotels mit dem Handwagen an der Haltestelle abgeholt,  so brauchte man keine Koffer zu schleppen.  Während der DDR-Zeit gab es den Bus wohl nicht mehr, deswegen fuhr man per Zug eher nach Erfurt und von dort mit einem Bus des VEB Kraftverkehr nach M.,  mit oder ohne unterwegs umzusteigen. Oder man fuhr nach Schleusingen und ließ sich von dort mit einem telefonisch bestellten Taxi abholen.  Während meines Studiums und danach besuchte ich meine Eltern in M., die schon vorgefahren waren, mein Vater holte mich dann in Katzhütte am Bahnhof ab. Das war jedes Mal ein freudiges Wiedersehen!  Bei einer dieser Gelegenheiten fuhr ich ab Halle, damals gab es noch die sogenannte Sperre, wo man die Fahrkarte vorzeigen und lochen lassen musste;  der dort tätige Beamte las auf der Karte "Katzhütte" und sagte "dort würde ich jetzt auch gern hinfahren!".  Er wusste offensichtlich Bescheid. --  Diese Schilderungen belegen, was ich eingangs sagte:  M. ist relativ entlegen und schwer erreichbar. Das ist bis heute so geblieben -- wenn man nicht gleich mit dem Auto fährt.

Nun einiges zum "Kurhaus".  Das bestand aus zwei Häusern, dem ab 1905 in drei Etappen errichteten Haupthaus mit Speisesaal, Küche, Büro und ca. 30 Fremdenzimmern, und der sog. Dépendance mit nochmals ca. 20 Zimmern. Beide Häuser standen in einem großen parkartigen Garten. So weit ich mich erinnere, hatten alle Zimmer fließendes Warm- und Kaltwasser, aber weder Bad noch Toilette (sowas war damals allgemein noch nicht üblich, wer "mußte", der mußte über den Flur).  Immerhin hatten wir auch mal ein Zimmer mit Balkon und großartiger Aussicht bis nach Großbreitenbach. Der schon erwähnte Hausmeister mit dem klassischen (Ruf)Namen Johann sammelte nachts die vor die Türen gestellten Schuhe ein und putzte sie, vielleicht hatte er einen Gehilfen. Im Garten zeigte er mir den Eiskeller, eine abgedeckte Grube, die aber wegen Erfindung des Kühlschranks nicht mehr genutzt wurde, und eine an einem Baum angebrachte Äolsharfe - nie wieder habe ich sonst so ein Ding gesehen.  Ich glaube, er hat mir auch den Zugang zum Dachboden ermöglicht; da gab es noch Vorräte der verschiedenfarbigen Schieferplatten, mit denen das Haus verkleidet und bedacht war, und farbige Glasscheiben, wie sie teilweise in den obersten Fenstern (mindestens im Ecktürmchen)  verarbeitet waren. 

In der DDR-Zeit durften wir nicht mehr im Kurhaus wohnen, es war für Mitglieder der Akademie der Wissenschaften der DDR (oder Sachsens?) sozusagen beschlagnahmt, und zu dieser Elite gehörten wir ja nicht.  Seitens der Kurverwaltung wurde uns ein Zweibett- zimmer im Haus von Bertha und Wilhelm Schmidt, Marienstraße 14, angeboten.  Wilhelm Schmidt war Forstarbeiter, das Haus war als Dienstwohnung gebaut worden, Schmidts durften es nach einigen Jahren kaufen. Zum Haushalt gehörten anfänglich auch eine Kuh, ein Schwein und immer eine Katze (zeitweilig auch zwei), später wurden aus Kuh und Schwein zwei Ziegen.  Das hatte seine Vorteile, u. a. war meistens hausgemachter Käse zu haben. Mit Schmidts verstanden wir uns von Anfang an bestens. Wir profitierten auch von Wilhelms Kenntnissen von Wald und Wild,  u. a. brachte er uns bei "gehn Sie nie allein in den Wald" -  was sich nicht immer realisieren liess. Er hatte ein schlimmes Ende, Anfang der 70-er Jahre starb er an Speiseröhrenkrebs (er war ein starker Raucher gewesen).  Auf dem Masserberger Friedhof liegen beide begraben. 

Als ich ein letztes Mal in M. war (2004), war das Kurhaushotel schon geschlossen und in beginnendem Verfall, es wurde aber immer noch sonntags Kaffee und Kuchen angeboten; das muß wohl die alte Frau Zitzmann gemacht haben, die damals gut und gern 100 Jahre alt gewesen sein mag. Mit einiger Mühe findet man sie im Internet  mit schwarzer Katze (zu "unserer" Zeit gab es dort keine Tiere) in der Küche stehend und irgendwas zubereitend. Übrigens wurde über die Entstehung des Kurhauses zu Anfang des 20. Jahrhunderts, also genauer über das Zustandekommen des gewaltigen Vermögens, das den plötzlichen Bau des repräsentativen Hauses möglich machte, in M. eine ziemlich blutrünstige Geschichte kolportiert. Ihr Wahrheitsgehalt ist höchst fraglich und ich gebe sie daher hier nicht wieder.

M., anfänglich ein armes Waldarbeiterdorf, hat sich im 20. Jahrhundert stark entwickelt. Mittlerweile gibt es mehrere Hotels, eine Fachklinik und  ein großes Spaß-und Heilbad (das allerdings wie alle Objekte dieser Art im "Osten" nicht recht läuft). Als "wir" M. nutzten, also etwa 1935 bis 1970, hielt sich die Modernisierung in Grenzen und es gab noch allerlei Überreste von "früher".  So gab es zwei Bäcker, nämlich einen normalen größeren Betrieb mit Laden, wo es auch Kuchen gab (der Bäcker könnte Beetz geheißen haben), und im Unterdorf Herrn Fink, der backte nur in kleinstem Umfang und das auch nicht alle Tage, er produzierte nur einige Semmeln, allerdings in hervorragender "altdeutscher" Qualität, die man sich in der Backstube holen musste. Ob es einen Fleischer gab, ist mir entfallen, ich erinnere mich aber, dass meine Mutter auf unseren Wanderungen gelegentlich Brötchen, Butter und Sülzwurst hervorzauberte, die Wurst mss sie ja irgendwo gekauft haben.   Im Unterdorf existierte noch ein "Kaufladen",  wo man Lebensmittel lose kaufen konnte, also Graupen, Hülsenfrüchte, und Bonbons sowieso;  wollte man Butter haben, musste man "gute Butter" sagen, sonst bekam man Margarine. Quer über dem Ladentisch hing an der niedrigen Decke ein vielleicht anderthalb Meter langer hölzerner Fisch, an dem hingen die bunten Tüten, in denen das Gekaufte verstaut wurde, an irgendwelchen Nägeln oder Dornen. Die jeweils benötigte Tüte wurde einfach abgerissen.  Dieser Fisch wäre heute die Zierde eines jeden Heimatmuseums. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die oben erwähnte Wurst hier gekauft wurde.  Es gab mindestens einen Fotografen, der mir gelegentlich meine sechs-mal-neun-Filme entwickelte und "je ein Abzug" machte.  Das modern eingerichtete Postamt ist heute nicht mehr auffindbar, zur DDR-Zeit schickte ich von dort ein Päckchen an einen Eisenbahnfreund im Westen, das nie angekommen ist.  Ein Bruder von Herrn Schmidt war Taxiunternehmer, mit seinem schweren alten Vorkriegs-Mercedes hat er meine Mutter und mich öfters vom Bahnhof Katzhütte abgeholt oder dorthin gefahren, einmal zu meiner Überraschung auf dem kürzesten Weg den steilen Hang des Schwarzatals auf einem Forstweg nach Goldisthal hinunter.

In den 30-er Jahren waren alle (aber wirklich alle) Masserberger Häuser mit Schiefer gedeckt und verkleidet, meistens mit dem blauschwarzen "Blaustein" aus den Gruben um Lehesten. Verzierungen waren aus helleren bis fast weißen Varianten geformt. In der DDR- Zeit ließ das nach, die Vorräte an Lehestener Schiefer gingen zur Neige. Was noch zu gewinnen war, wurde gegen Valuta nach dem "Westen" verkauft. Heute wird kaum noch ein Neubau komplett mit Schiefer verkleidet, aber die Dächer sind nach wie vor mit Schiefer gedeckt. Dabei sind mit Schiefer verkleidete Holzhäuser dem rauen und feuchten Gebirgsklima am besten angepasst, während gemauerte und verputzte Häuser schnell verfallen, wie man an der Dépendance des Kurhaushotels und wohl auch am heute verschwundenen Haus des Professors Volhard sehen konnte. Gepflegte Schieferhäuser dagegen halten "ewig", wie das Haus Gutheil-Schoder, das der bekannte Architekt Schoder im wesentlichen für seine Frau, die Sängerin Gutheil, anfangs des 20. Jahrhunderts in einer Art spätem Jugendstil errichtete. Auch die Kirche und das Kurhaushotel sind Beispiele  für widerstandsfähige Schieferbauten.

Eine vor allem an warmen Spätsommertagen gern genutzte Attraktion war das Freibad im Kurtsloch, einem ausgedehnten Wiesental zwischen M. und Massermühle.  Das das Tal durchschlängelnde Bächlein "Vordere Masse" hatte man in einem L-förmigen Schwimmbecken aufgefangen und in einem ordentlichen Gebäude Umkleidekabinen eingerichtet.  Als etwa Elfjähriger bin ich an einem schönen Morgen dort mal eingestiegen, als das Thermometer neun Grad Wassertemperatur anzeigte (es muss wohl fest installiert gewesen sein, woher wüssten wir es sonst; meine Mutter und ich waren die einzigen Menschen dort).  Die Kälte war absolut schneidend und hätte mich bei längerem Aufenthalt im Wasser wohl umgebracht, "Eisbaden" wäre für mich nie was gewesen. Das Objekt ist heute natürlich aufgegeben, aber das Wasserbecken ist erhalten und auf dem Satellitenbild zu sehen.  Ein dorthin führender Weg beginnt in M. noch als "Badstraße".

Wer nach M. reist, muß gern wandern, also gut zu Fuß sein, es sei denn, er fährt des Wintersports wegen dorthin.  Meine Mutter und ich waren gut zu Fuß. Es gab / gibt sehr viele schöne Wege und Wanderziele und -  wegen der Lage auf dem Kamm des Gebirges -  herrliche Aussichten.  Aus heutiger Sicht ist es erstaunlich, wie weit wir gelaufen sind. Die entferntesten Ziele waren zunächst Langebach,  Gießübel und das Jagdhaus auf dem Fleckberg nordöstlich der Massermühle (mit dem "Hungerborn", ein besonders reizvolles Wanderziel, das uns von einem Kellner des Kurhauses empfohlen worden war; das Wasser soll abführend wirken, daher der Name). Hin und zurück waren das mit kleinen Umwegen Märsche von 12 - 15 km, die einen halben Tag ausfüllten. Man kann / konnte natürlich auch kürzere Wanderungen machen, z. B. zum Nadelöhr, einem freistehenden Felsen aus grobem Konglomerat mit einer großen Öffnung, oder zum Langertfelsen oder zur Werraquelle.   Oder man suchte eine der zahlreichen Schutzhütten auf, die es damals gab (heute sind es weniger geworden) und verzehrte dort Mitgebrachtes, z. B. die schon erwähnten Sülzwurstbrötchen. Verließ man den Umkreis von 2 bis 3 km um M., dann war man fast immer allein, denn weiter kamen die durchschnittlichen Spaziergänger nicht. Insofern war Herrn Schmidts Warnung "gehn Sie nie allein in den Wald" zumindest damals, nämlich vor Erfindung der heute allgegenwärtigen Handys, durchaus berechtigt. Uns ist aber nie irgendwas Ernstliches zugestoßen.  Allerdings zog sich meine Frau etwa 1964 beim unvorsichtigen Sprung über einen winzigen Graben eine Fußverletzung zu, die so schmerzhaft war, dass sie kurzzeitig das Bewußtsein verlor;  ich weiß nicht mehr, wie wir danach nach Hause (zu Schmidts) gekommen sind;  Herr Schmidt holte einen Notarzt, der im Handumdrehen da war,  in der damals schon eröffneten Augenklinik gab es einen Bereitschaftsdienst für solche Fälle. --   Ich habe vor allem auf den Wanderungen mit meiner Mutter ungeheuer viel gelernt, wovon ich mein Leben lang zehre. Die Pflanzen- und Tierwelt der höheren Mittelgebirgslage und vor allem das Klima mit häufigen plötzlich einsetzenden und wieder aufhörenden Regen- wie auch Schneeschauern und tief hängenden Wolken, die durch die Baumstämme des Hochwalds schwammen wie Schiffe, boten einem Stadtkind aufregende, ungekannte Eindrücke, die man in der Großstadt natürlich nie erleben konnte.  Bei allen diesen Unternehmungen war uns die frühzeitig angeschaffte "Wegekarte 1:25000 Masserberg und Umgebung, herausgegeben vom Thüringerwald-Verein Masserberg, bearbeitet von Joh. Bühring" eine unschätzbare Hilfe.  Die Wanderausüstung wurde später ergänzt durch Fotoapparat, Feldstecher, Marschkompaß und einen zusammenlegbaren Trinkbecher. Merkwürdigerweise hatten wir keine Erste-Hilfe-Ausrüstung dabei.

Bei allen solchen Wanderungen war ich mit meiner Mutter unterwegs, mein Vater -  wenn er denn überhaupt noch  mit nach M. kam -  war wegen einer schon in den 20-er Jahren zugezogenen Sportverletzung nicht zu größeren Märschen in der Lage.  Allerdings begleiteten uns gelegentlich die beiden Damen Overweg und von Hollander, die auch Gäste des Kurhauses waren und mit denen sich meine Mutter angefreundet hatte.  Beide waren wohl Lehrerinnen und könnten in Weimar (oder Jena?) zu Hause gewesen sein.  Ich habe ihnen z.B. die Kenntnis des Bärlapps zu danken, der auf dem Eselsberg mitten auf dem Weg zwischen den Schottersteinen wuchs. 

M. hatte und hat immer einen Aussichtsturm.  Der erste, den ich in den 30-er Jahren kennenlernte, stand wenige hundert Meter westlich der Ortsmitte auf der kahlen Bergkuppe, die m. W. keinen eigenen Namen hat.  Das war ein Holzturm mit Bretterverkleidung, zusammen mit der falschen Höhenangabe 830 m zierte sein Bild den Masserberger Poststempel. Den nächsten, nur wenig anspruchsvolleren Turm setzte man auf die Höhe des Eselsberges. Nach der sog. Wende wurde nun ein wesentlich höherer und aufwändigerer Turm mit Namen "Rennsteigwarte" auf dem Eselsberg errichtet, der u. a. eine verglaste Aussichtsplattform hat und dessen Besteigung 50 Cent kostet.  Möge er lange erhalten bleiben.

Noch in den 40-er Jahren hatte mir meine Mutter Band 1 von "Michaels Führer für Pilzfreunde" gekauft. Damit habe ich nicht nur Pilze zu bestimmen und finden gelernt, sondern habe auch den theoretischen Teil gelesen. So wußte ich schon früh über Sporen, Myzel und Mykorrhiza Bescheid, konnte mit diesem Wissen auch zum Entzücken der o. e. Damen Overweg und von Hollander glänzen.  Im Herbst,  also zu unserer Haupt-Urlaubszeit in M., waren die Wälder dort voll von allerlei nicht nur Röhren- und Lamellenpilzen, sondern auch Korallenpilzen (von meiner Mutter als Ziegenbärte  bezeichnet), Mousserons und sonstigen Raritäten.  Im Kurhaus war damit allerdings wenig anzufangen.  Erst als wir bei Schmidts untergekommen waren, konnten wir gesammelte Pilze auch zubereiten. Ein Höhepunkt war es, wenn Stockschwämmchen gefunden worden waren, dann machte Frau Schmidt Kartoffelbrei und es gab "Stöcklesschwämme un Zamte" (Z. war  Kartoffelbrei!), eine Art Masserberger Nationalgericht.  Auch sonst lebten wir dort nicht schlecht und durften öfters bei Schmidts mit essen, z. B. den hausgemachten Käse.  Getrunken wurde Bier, nach Möglichkeit "Falkenbräu" aus Kahlert, einer winzigen, im wesentlichen nur aus der kleinen Brauerei bestehenden Ortschaft an der Landstraße zwischen M. und Neustadt.

Meine Mutter hat mehrfach erklärt "Masserberg hat Hochgebirgscharakter" (wohlgemerkt -charakter, nicht -klima).  Das war ja nun etwas übertrieben, sicher hatte sie das irgendwo gelesen;  es hätte vielleicht gestimmt, wären die höchsten Erhebungen noch 200 m höher gewesen. Aber die Lage auf dem exponierten Kamm des Mittelgebirges brachte doch manchmal Erscheinungen hervor, welche der Städter und Flachlandsbewohner normalerweise nie erleben konnte. Ich erwähnte schon die niedrig hängenden Wolken, die gelegentlich ihre Bahn durch die Stämme des Hochwaldes zogen. Brach die Sonne nach einem Regenschauer durch, stiegen Nebelfahnen aus den Wäldern oder einfach von den nassen Wegen auf, ein hübsches Schauspiel, das ich mehrfach, aber mit geringem Erfolg zu fotografieren versuchte.

Niederschläge spielten überhaupt eine große Rolle, der mittlere Jahresniederschlag war/ist mit über 1000 mm mehr als doppelt so hoch wie in Halle.  Auch die niedrige, zwischen 4 und 5 Grad C liegende mittlere Jahrestemperatur trägt wesentlich zum Gebirgsklima bei.   In der kalten Jahreszeit gab es viel Reif, der öfters mit langen Eisnadeln die Zweige  entblätterter Laubbäume bedeckte.  Einmal erlebten wir, dass die Zweige von klarem Eis umhüllt waren, das womöglich in Windrichtung noch  abstehende Schneiden gebildet hatte.   Eine meteorologisch exakte Bezeichnung dieser Erscheinung konnte ich nicht ermitteln. Auch das habe ich fotografiert, aber das/die Foto(s) ist bzw. sind dem Fotofresser zum Opfer gefallen, der sich gelegentlich in meinen Sammlungen austobt.     

In der elften Schulklasse lernten wir, wie sich Farne vermehren. Der Prozeß von der Spore über den Vorkeim (Prothallium) mit den darauf sitzenden Antheridien und Archegonien bis zur neuen Farnpflanze wurde vom Lehrer (Stdr. Eichler) mit treffenden Kreidezeichnungen an der Tafel illustriert, weil es 1948-49  keine Lehrbücher gab.  Meine Suche bescherte mir am Rand eines schattigen Waldweges schließlich solche Vorkeime unterschiedlicher Größe, die größten vielleicht wie ein halber Pfennig oder Cent, die sahen gar nicht so zerbrechlich aus, wie ich sie mir vorgestellt  hatte.

Die Wälder auf den Höhen um M. bestanden aus Fichten und Rotbuchen und waren Forsten. Vereinzelt gab es alte Tannen, hinter dem Kurhaus waren Tannen angepflanzt worden, die vom Rehwild gnadenlos abgefressen wurden. Auch Douglasien hatte man gepflanzt, welche die Rehe stehen ließen. In tieferen Lagen gab es zunehmend Kiefern. Nördlich vom  Kurtsloch standen auch Engelmannsfichten, von Herrn Schmidt abwertend als Schimmelfichten bezeichnet, die wurden aber fast alle ausgemerzt, weil sie keine geraden Stämme bildeten. (Meine Beobachtungen erfolgten hauptsächlich in den 50-er und 60-er Jahren;  heute mag es etwas anders aussehen.)  Richtige Urwälder gab es nicht, einem Urwald am nächsten kam noch die Bewaldung auf dem über 800 m hohen Wurzelberg östlich von Goldisthal, eine Wanderung dorthin wird noch beschrieben.

Natürlich sahen wir auch gelegentlich Wild.  Einige solche Begegnungen sind mir aus der Zeit erinnerlich, als ich mit meiner Frau dort wanderte. Einmal stiegen wir in der "Bärenfalle" aufwärts, einem vom Massetal nach Norden führenden, von einem Wässerchen durchkleckerten Tälchen, das sich oben zu einer Wiese verbreiterte. Da kam von oben ein Hase auf dem Weg auf uns zu geprescht, mit einer unglaublichen Geschwindigkeit, und hinter ihm ebenso schnell ein Fuchs.  Als er uns gewahr wurde, schlug der Hase den berühmten Haken und verschwand im Unterholz.  Unser Erscheinen hat ihm vielleicht das Leben gerettet.  Der Fuchs bremste seinen Galopp, am liebsten möchte ich jetzt sagen "er stand noch kurz ratlos herum" -  aber so genau weiß ich das nicht mehr, jedenfalls trottete er dann auch zur Seite und war weg.

In ebendieser Bärenfalle, wo die Wiese beginnt, trafen wir bei einer anderen Gelegenheit auf ein kräftiges Wildschwein, in der Jägersprache eine "führende Bache" - ihre Frischlinge muddelten kaum erkennbar hinter ihr im nassen Wiesengrund herum.  Als sie uns gewahr wurde, riß sie den Kopf hoch,  fixierte uns, machte "wuff" und stampfte mit den Vorderfüßen auf. Das war schon ziemlich deutlich!  Schließlich begann sie noch, sich auf uns zu zu bewegen.   Wir begannen darum, uns  von ihr zu entfernen, und zwar gingen wir langsam rückwärts, wobei wir das Tier im Auge behielten. Es machte noch mehrmals "wuff, wuff", blieb aber stehen und ließ uns in Ruhe unseren Rückzug vollenden, bis wir außer Sichtweite waren. Diese ganze Aktion hat uns doch einiges Herzklopfen beschert.  Herzklopfen bescherte auch die Begegnung mit einem Hirsch, wieder in der Nähe der Bärenfalle. Auf einem Abendspaziergang (vielleicht hatten wir unser Auto unten im Massetal abgestellt, sonst hätten wir unverantwortlicherweise im Dunkeln nach Hause laufen müssen)  bemerkten wir plötzlich einen ausgesprochenen Moschusgeruch und vermuteten beide gleich, es müsse ein brünftiger Hirsch in der Nähe sein. Als wir langsam weiter voran schlichen, hörten wir tatsächlich, wie ein zunächst unsichtbares großes Tier sich von rechts durch die Fichtenstangen  unserem Weg näherte, und kurz danach brach zu unserem Schreck ein geweihtragender Hirsch (allerdings höchstens ein Zehnender) in etwa 10 m Abstand hervor, verharrte ganz kurz auf dem Weg, sah uns und verschwand nach links in den dort stockenden vielleicht 12jährigen Fichten. Der Moschusgeruch wurde geradezu widerlich.  Wir hörten noch lange, wie das Tier seine Bahn zog, bis das Geräusch verebbte, dann war Ruhe.  Diese Begegnung hat meiner Frau und mir einen ganz schönen Schreck eingejagt!  Und trotzdem waren wir froh, dass wir ein solches seltenes Erlebnis hatten haben dürfen. -  Ich ging gern abends noch ein kurzes Stück allein in den Wald, z. B. in einen jungen Mischbestand knapp nordwestlich vom Kurtsloch, wo oft Wild stand und ich meine erste Abwurfstange gefunden habe (die, wie so vieles, verschwunden ist), die Stelle war mir von Wilhelm Schmidt empfohlen worden. Dort erlebte ich an einem schönen Spätsommerabend, dass es ganz still war.  Es war windstill und gab keinen Verkehrs- noch sonstigen Lärm. Mir fiel auf, dass ich das noch nie erlebt hatte. Trotzdem hörte ich irgendwas und merkte nach einigem Überlegen,  dass mein Körper dieses Geräusch mit Atem und Herzschlag hervorbrachte. Es ist wahrscheinlich immer vorhanden, wird aber normalerweise durch Umweltgeräusche (acoustic pollution) übertönt. -  Bei einer anderen Gelegenheit hatte ich etwa an derselben Stelle eine Begegnung mit einem Rehbock.  Sein       Bellen (Schrecken?) hörte ich schon von weitem und ging darauf zu. Ich fiel ihm dann auch auf -- und er kam auf  m i c h  zu.   Ich habe ihn ganz aus der Nähe gesehen, ein großes, ausgewachsenes Tier mit kräftigem Gehörn, und er machte wohl etwas ähnliches wie die Bache in der Bärenfalle, irgendwie stampfte oder kratzte er mit den Vorderläufen,  hielt mich genau im Blick und rief "Hä, hää" was genau zu verstehen war als "nun hau endlich ab hier, sonst setzt es was!".   Offenkundig argwöhnte er, ich könnte ihm seine Rehlein wegnehmen, deren leise Geräusche hinter dem Bock zu hören waren.  Da der Klügere be-  kanntlich nachgibt, zog ich mich langsam zurück. Noch lange hörte ich das aufgeregte Tier bellen.

Mit zunehmendem Alter unternahm ich Wanderungen zu entfernteren Zielen allein, also ohne meine Mutter, der das Laufen wegen einer Fußverletzung immer schwerer fiel. Da gab ich an, wo ich hin wollte, damit man im Falle meines Verlorengehens wenigstens annähernd das Suchgebiet kannte. Aber das waren doch riskante Unternehmungen, die man heute keinesfalls ohne Handy machen würde.

Auf den Wurzelberg wollte ich der Königstanne wegen, die auf Bührings Karte eingezeichnet  ist.  Ich musste  erst ins Schwarzatal hinunter nach Goldisthal und dann östlich den nicht enden wollenden Hang hinauf in einen doch recht urtümlich und urwaldähnlich wirkenden Fichtenhochwald hinein.  Den Wegen sah man an, dass dort selten jemand hin kam.  Immerhin gab es eine relativ komfortable Hütte, die ein Verein (Thüringerwald-V. Katzhütte? Kulturbund?) dort hingebaut hatte, wo es einige Informationen gab (Zeitungsausschnitte u. ä. an den Wänden) und wo man notfalls wohl sogar hätte übernachten können. Wenn ich dem Internet Glauben schenke, steht sie heute (2015) noch.

Die Königstanne bzw. was von ihr übrig war fand ich auch, sie war schon 1949 oder 1947 bei einem Sturm gefällt worden und lag dort riesenhaft und ziemlich  vermodert wie ein gestrandeter Dinosaurier. In ihrer unmittelbaren Nähe hatte man vier neue Tannen ge- pflanzt. Es gibt (gab?) dort mehrere Tannen, denen man Namen gegeben hat, die nächste ist die Günthertanne; ob ich die gesehen habe, weiß ich nicht mehr.  Die Königstanne heisst übrigens nicht so, weil sie mit ihren 43 m sozusagen die Königin des Thüringer Waldes war, vielmehr sind Königs-, Günthertanne und einige weitere nach verdienten Forstmännern benannt.  Ein kurzes Stück weiter fand ich noch den Jungfrau- und den Altfrauteich, die wahrscheinlich vor langer Zeit zum Zweck des Holzflößens angelegt worden sind. Zusammenfassend möchte ich sagen, dass es dort ganz außerordentlich schön war und alles noch richtig ursprünglich aussah.  Viel ist davon womöglich nicht übrig geblieben, denn auf dem Wurzelberg wurde bekanntlich das Speicherbecken des gewaltigen Pumpspeicherwerks Goldisthal angelegt, das man schon von M. aus sehen kann.  Mein Alter und der damit zusammenhängende körperliche Verfall verbieten es mir, das nachzuprüfen. - Immerhin bin ich vom Wurzelberg unbeschadet wieder zurück gekommen. Das schlimmste war natürlich zum Abschluss der Aufstieg von Goldisthal nach M. über etwas mehr als 200 Höhenmeter!

Eine mindestens ebenso aufwändige Wanderung unternahm ich nach Gabel im Schleusetal (nördlich von Unterneubrunn). Ober- und Untergabel waren winzige, nur aus zwei bis drei Häusern bestehende Siedlungen, die heute wohl mehr oder weniger im Schleusestausee verschwunden und nicht  bzw. kaum noch zugänglich sind. Mich zogs dort hin, weil die Geologische Karte  in der Nähe ein Flußspatvorkommen und ein kleines Bergwerk ver- zeichnet, das wollte ich mir ansehen.  Es war zu weit, das an einem Tag hin und zurück zu laufen, deshalb ließ ich mich am Morgen von irgendeinem Lieferwagen mitnehmen, der etwa in diese Richtung fuhr,  mag's das Milchauto oder etwas ähnliches gewesen sein, ich weiß es nicht mehr.  Gabel war damals noch zugänglich und möglicherweise auch bewohnt. Wenn ich mich recht erinnere, war kein Mensch zu sehen, nicht mal ein Hund bellte.  Es gab eine Art Feuerlöschteich mit erhöhten Wänden, darin wuchs ein Kraut, wie ich's noch nie gesehen hatte, vielleicht war es Brachsenkraut.  Die Stille dort und die ganze Atmosphäre vermittelte den Eindruck, dass man hier wirklich an der Grenze der Zivilisation angelangt war.  Mit Hilfe der mitgeführten Geologischen Spezialkarte 1: 25 000 suchte und fand ich die längst aufgegebene Fluoritgrube. Der Weg dorthin war auf einem Abschnitt mit blassgrünem Fluorit geschottert, vielleicht kreuzte er auch einfach den Ausbiss des Fluoritganges.   Von der Grube fand ich ein Stollenmundloch mit davor zu einer kurzen Rampe angehäuftem  Abraum, darauf lag noch ein verbogener Rest des ehemaligen Grubenbahngleises. Auf dem Grunde des Tälchens gluckerte ein Bächlein und erzeugte so das einzige Geräusch, das hier zu hören war.  Ich drang in den Stollen ein, der sich aber bald als verstürzt erwies, was mich zum Umkehren zwang.

Mir kam der Gedanke, dass diese ganze Szenerie mit ihrer Stille, den Resten früherer Tätigkeit und der bedrückenden, absoluten Einsamkeit perfekt geeignet wäre, um hier einen Wildwestfilm zu drehen. Leider habe ich dort keine Fotos gemacht.  Auf dem Rückweg über Gießübel habe ich mich trotz Karte und Kompass verlaufen und kam nach langem Umweg erst bei einbrechender Dunkelheit reichlich abgekämpft in M. an.  Aus heutiger Sicht muss ich sagen: Es hat sich gelohnt, aber eigentlich hätte ich so eine  Tour nicht allein machen dürfen!

 

Von einem Lieferwagen ließ ich mich auch einmal nach Unterneubrunn mitnehmen, es könnte 1964 gewesen sein , um einmal mit der nach Eisfeld führenden Schmalspurbahn zu fahren.  (U. gab es bald nicht mehr, es wurde mit Oberneubrunn und Hüttenschönau zu Schönbrunn zusammengelegt.)    Das hat auch gut geklappt.  In U. rangierte die Lok 99 722, die später nach Wernigerode umgesetzt wurde. Sie arbeitet noch heute auf der Harzer Schmalspurbahn.  Der Zug bestand aus zwei oder drei Personen- und etlichen Güterwagen. Das Passagieraufkommen hielt sich in engen Grenzen, vielleicht war ich zumindest zeitweilig der einzige Fahrgast. Die Fahrt nach Eisfeld dauerte sehr lange, denn auf fast jedem Halt wurde rangiert. Es wurden Güterwagen aufgenommen oder irgendwelchen Kleinbetrieben per Gleisanschluss zugestellt, manchmal musste dazu der Zug getrennt oder auch komplett auf ein Werksgelände geschoben werden, um einen Wagen aufzunehmen. Für die örtliche Wirtschaft war die Kleinbahnstrecke offensichtlich eine wichtige Lebensader. 1974 wurde sie stillgelegt. -  Ich erinnere mich nicht, wie ich von Eisfeld wieder nach M. gekommen bin.

Grundsätzlich ist bzw. war das Thüringische Schiefergebirge Bergbaugebiet. Objekte des Bergbaus waren zunächst der Alaunschiefer selbst, gefolgt von den häufigen Quarzgängen, in denen es allerlei Erze gab. Bis heute finden Goldvorkommen, in den Quarzgängen eingeschlossen bzw. auch als "Seife" in der Schwarza und ihren Zuflüssen  Beachtung. Vor allem nach dem spektakulären Fund eines ca. 8 Gramm schweren Nuggets in der Schwarza (2004) hat die Goldwäscherei wieder zugenommen und etablierte  sich als Touristenjux.  Im Schwarzatal und seinen Seitentälchen um und oberhalb Goldisthal gab es auch einen be- scheidenen Erzbergbau, eher waren es wohl Schürfungen oder Abbauversuche, zu deren Hinterlassenschaften  die Mundlöcher etlicher  verstürzter Stollen und kaum noch erkennbare Abraumhalden  gehören. In mindestens drei dieser Stollen bin ich eingefahren. Einer war fast fußhoch mit goldgelbem Ockerschlamm angefüllt, der ist "früher" wohl tatsächlich in der Katzhütter Farbenfabrik zu Ockerfarbe verarbeitet worden (vgl. Schreiben des VEB Farbenfabrik Katzhütte).  Im zweiten fand ich massenhaft Quarzhaufwerk mit allerlei Erzen, u.a. Molybdänglanz, im dritten (am Weg von M. nach Goldisthal, die Stelle wurde mir von Jochen Haseit gezeigt, einem Neffen von Schmidts, der mich begleitete) fand ich nichts.  Ich habe über diese Unternehmungen einen Bericht geschrieben;   wer sich dafür interessiert, dem suche ich ihn heraus.

Wenn wir bei einem Masserberg-Aufenthalt ein Auto dabei hatten, wurden natürlich auch einmal Hildburghausen, Eisfeld, Kloster Veßra oder Grimmelshausen besucht. Mehrfach bin ich auch mit meiner Mutter bzw. meiner Frau in die Gegend mit den höchsten Bergen gefahren,  also Schneekopf (978 m, vor der Sperrung durch die sowjetischen Freunde konnte man noch auf den dortigen Turm steigen, auf dessen oberster Plattform war man genau 1000 m hoch), Großer Finsterberg,  Großer Beerberg (982 m = höchster Punkt des Thüringer Waldes) und Plänckners Aussicht.  Gern fuhr man auch einfach nach Gießübel, weil es dort ein stets proppenvolles Café mit -  für DDR-Verhältnisse -  hervorragendem Angebot gab.  Auch über diese Reiseziele  gäbe es  noch einiges zu berichten.   Ich wollte mich aber in diesem Aufsatz auf M. beschränken und bleibe auch dabei.

So viel zu Masserberg,  einem interessanten Ort in exponierter Lage und schöner Umgebung.  Auf zahlreichen Reisen  habe ich dort als Kind und Heranwachsender sehr viel erlebt und gelernt, wovon ich bis heute zehre.

Beilage:  Aussicht von der unmittelbar westlich von M. gelegenen "Schillerhöhe" (803 m) von W über N nach NE,  gez. mit Hilfes des Kompasses etwa 1969.  Nicht erfasst sind die von M. aus gut sichtbaren Simmersberg (bei Schnett) im S, Gr. u. Kl. Gleichberg(S), Wurzelberg, Pless(oderBless)-berg im E.

Dr. Klaus Lehnert, Gommern.

Die Galerie des Guten Geschmacks von Matthias Kaiser, Erfurt

Zu einem Zeitpunkt, als meine Kindergartenkumpels bestenfalls für ihre Teddys und sahnigen Schokoladenpudding schwärmten, himmelte ich schon Menschen an, die so berühmt waren, dass ich ihnen aller Voraussicht nach niemals begegnen würde. Deshalb begann ich, die Wände meines Kinderzimmers mit den Konterfeis solcher Idole zu bepflastern.

Alles fing mit einem Foto von Hans Albers an. Seine stahlblauen Augen strahlten auf einem vergilbten handkoloriertem UFA-Kinoplakat, das ihn als Sherlock Holmes zeigte. Ein Sammlerstück, das mein Vater zusammen mit einem Acht-Millimeter- Schwarz-Weiß-Stummfilm 1937 erworben hatte und seitdem mehrmals im Jahr in unserem Wohnzimmer für Unterhaltung sorgte.

Weiter ging’s in meiner Galerie mit Albert Schweitzer. Obwohl ich gestehen muss, dass ich damals dessen Wohltaten für die Menschheit überhaupt nicht einordnen konnte. Doch wie so oft in meiner Kindheit vertraute ich auch bei dieser Beurteilung meiner über alles geliebten Oma Nelly. Und die bestand nun einmal darauf, dass diesem Gutmenschen an meiner Pinnwand ein Ehrenplatz gebühre. 

Kaum in die Schule gekommen, nahm ich den aufgezwungenen Schweitzer jedoch aus seinem dunkel gebeizten Bilderrahmen und ersetzte ihn durch eine Fotografie von Harry Belafonte aus der NBI (Neue Berliner Illustrierte).

Gegen dessen „Banana Boat Song“, der damals fast stündlich im Radio trällerte war der berühmte Arzt aus Lambaréné und anerkannte Bachliebhaber machtlos. 

Mit den Jahren entwickelte sich meine Bildergalerie peu á peu zum Spiegelbild meiner Gefühlswelt und Sehnsüchte. Old Shatterhand und Winnetou wurden von den „Beatles“ abgelöst; Jesus hing friedlich neben Che Guevara und als ich von Mühlhausen nach Berlin zog, sang an der dünnen Pappwand meiner Studentenbude als erstes die in ein hautenges schwarzes Etuikleid gepresste Juliette Greco gleich neben der schmachtenden Marilyn Monroe, die ihr weißes aufgebauschtes Plisseekleid kaum bändigen konnte.

Später dann die Elite der Kochkunst: Paul Bocuse und – mehr als warnende Abschreckung, denn als Beweis seiner köchelnden Meisterschaft –Alfred Biolek. Ich stand schon damals nicht auf Brühwürfel und Fertiggerichte. 

Irgendwann wurde ich eitel und hing auch Fotos an die Wand, auf denen ich gemeinsam mit solchen Prominenten abgelichtet war, für die ich den Kochlöffel schwingen durfte. Auf diesen Bildern herrscht natürlich Friede, Freude, Eierkuchen, denn vor allem die politisch agierenden Promis grinsen beim Fotografieren wie dressierte Honigkuchenpferde. Und das über alle Fraktionen hinweg. Da jedoch einige der von mir Bekochten immer öfter den gesunden Menschenverstand vermissen ließen, sah ich mich genötigt, sie abzuhängen. Leider hinterließen solche Volksvertreter nicht nur auf dem politischen Parkett sondern auch auf meiner Tapete hässliche Flecke, so dass ich mich entschloss– wollte ich nicht laufend einen Maler bestellen – die leeren Rahmen mit den Fotos jener meist aufwendig gefertigten Speisen zu füllen, die ich einst für sie gekocht hatte. 

Plötzlich mutierte „ Präsident X“ zum Lammkarree mit Kräuterkruste; „Kanzler Y“ zum sauttierten Saiblingsfilet und „Generalissimus Z“ zum Filet „Mignon“ mit Steinpilzen. Vor ein paar Jahren dann beendete ich übrigens Kolportagen mit Politikern. Nur wenige Ausnahmen bestätigen noch die Regel. 

Mittlerweile erweitere ich meine Galerie vornehmlich mit Bildern von Menschen, die mir Gutes getan haben; meiner Seele aber natürlich vorrangig auch meinen Geschmacksnerven. Letztere fast ausschließlich Vertreter einer herzhaft-deftigen Küche. „Schnitzelheinz“ aus Erfurt hängt da neben André Frank aus dem „Nachbarn“ in Mühlhausen; Andreas Scholz aus dem „Russischen Hof“ in Weimar neben der handfesten „Riesenkloßherstellerin“ Barbara aus dem „Goldenen Einhorn“ in Mechelroda. Daneben mein Freund Achim Köhler; das Phantom der Hausschlachtung Klaus vom Bornhagener „Klausenhof“; aber auch der hoch dekorierte Wanderwirt Andreas Motter, Bernd und Ilona Alsgut aus dem „Güldenen Rad“ in der Erfurter Marktsraße und so weiter und so gut. Hier alle aufzulisten wäre Abendfüllend. Am besten Sie kommen vorbei und schauen selbst. 

Doch ähnlich wie bei meinen Vorfahren tendiere ich mit zunehmendem Alter von deftig zu süß.

Nicht zu den raffinierten Petit Fours, Marzipan- und Nougattörtchen und verschnörkelten Gourmetteilchen, mit denen sich vornehme Damen bei Kaffeekränzchen ihre midlifgestressten Mägen verkorksen. Nein, ich bevorzuge die kalorienstrotzenden Blech- und Schmandkuchen. Die werden in Thüringen seit Jahrhunderten nicht nur zu Geburtstagen, Hochzeiten; Kindtaufen oder Beerdigungen gebacken, sondern gehören zum täglich Brot wie Rostbratwürste, rohe Kartoffelklöße und Feldgieker. 

Einhergehend mit dem Geschmack veränderte sich zwangsläufig auch die Auswahl der Fotos an meiner Gedächtniswand. Sogar einige der unantastbaren Heroen der Kochkunst, wie der Vater der modernen Küche, Auguste Escoffier, mussten plötzlich ihren Platz räumen. Und das nicht etwa für berühmte Konditoren, sondern für meist handfeste gestandene Weibsbilder, deren Backkunst ich mit ähnlicher Leidenschaft verfallen bin, wie vor fast vier Jahrzehnten dem Liebreiz und der praktischen Natürlichkeit meiner Martina. 

Da hängen solche Schamaninnen der Volksbackkunst wie die unvergessene Herta Machold. Sechs Jahrzehnte bis zu ihrem Tod 2005 stand sie in der Küche des Kurhauses von Masserberg und verwöhnte ihre Gäste mit ofenfrischem Kuchen. Die „Grande Dame“ der Thüringer Backkunst, die übrigens erst mit 88 Jahren beschloss, ihr verwunschenes Hotel nur noch an den Wochenenden zu öffnen. Das gelang ihr bis zum 93. Lebensjahr. Da rief sie der Herr zu sich an den himmlischen Backofen. ‚Hätte nicht bis zum Hundertsten warten können?’, fragte damals ihre große Fangemeinde, die bis zu ihrer göttlichen Abberufung aus allen Himmelrichtungen nach Masserberg pilgerten, um ihrem unvergleichlichen Kuchen zu huldigen. 

Eine Bestimmung für die Herta scheinbar selbst ihr ganz persönliches Glück zu opfern schien.

Sie, die nur einen heimlichen Liebhaber hatte: einen im Jahre 1906 von der Arnstädter Herdbaufirma „Bachstein“ in der Küche des Kurhauses aufgestellten gusseisernen Backofen mit gewaltigen Dimensionen. Den fütterte sie ihr ganzes Leben lang mit Tonnen von Holz und Kohle und trotz zahlreicher Verlockungen jüngerer und technisch ausgefeilter Nachfolgemodelle hielt sie ihm stets die Treue. Doch mit dem konnte sie ja auch schlecht ein Aufgebot bestellen oder vor den Altar treten um ihr Verhältnis zu legitimieren. 

Vor allem meine letzte Begegnung mit Herta bleibt unvergessen.

An einem Sonnabendmittag im kalten Winter.

Als wir uns dem verwunschenen Kurhaus aus dem 19. Jahrhundert näherten, lag es scheinbar verlassen unter einer dicken Schicht weißen Puderzuckers. Nur der schwarze Rauch, der aus einem maroden Schornstein kerzengerade in die frostklirrende Luft stieg, verriet, dass sich jemand im Hause aufhielt.

Wenig später standen wir der weißhaarigen Herta in ihrer Küche gegenüber.

Allein aber nicht einsam, wie sie in vielen Gesprächen betonte, bereitete sie auch an diesem Tag alles für die vielen Kaffeegäste vor, die ab um drei Uhr die zwei sparsam erwärmten Gasträume mit den Plüschmöbeln aus den Dreißigern und den bernsteinfarbenen Lüstern stürmen würden.

Alle anderen Zimmer werden, die Küche natürlich ausgenommen, schon lange nicht mehr beheizt. Nur im Sommer lässt sich Herta erweichen und gewährt alten Stammgästen auch schon einmal ein Quartier. Versorgen müssen die sich aber selbst. 

Ohne ihre Arbeit zu unterbrechen, überschüttet sie uns mit Mundart-Weisheiten:

De Bäcker dos sinn holde Knobe, wos die sich von de Hände schobe, sich orm un reich dronn labe!“

Wir schauten uns in der mit gelber Ölfarbe lackierten Küche um. Die ließ Herta 1970 letztmalig grundhaft renovieren. Doch nichts wirkte schmutzig; nur gebraucht.

Damals hatte sie ihr Geschäft für eine Woche geschlossen. Hatte sogar Masserberg verlassen, um einen Tag in Erfurt zu bummeln. Übrigens auch zum letzten Mal. Sie rubbelte mit dem Handrücken einen Mehlfleck von ihrer blaugeblümten Nylonschürze und begann wie eine Ringkämpferin ein Riesenstück Butter in ein verhältnismäßig kleines Stück Teig zu kneten. 

Übrigens: Selbst mit dem Thüringer Verdienstorden, den ihr Ministerpräsident Bernhard Vogel 2003 verlieh, konnte man sie nicht aus ihrem Geburtsort locken. Notgedrungen musste ihn der MP persönlich in Masserberg überreichen.

Oder hatte der bekennende Liebhaber der Thüringer Küche etwas ganz anderes im Sinn? Ein Stück von Hertas unvergleichlichen Stachelbeerkuchens vielleicht oder die einmalige Mohn-Eierschecke, die ich so, wie sie Herta buk, nie wieder gegessen habe? 

Ich kann Bernhard Vogel gut verstehen, denn auch, wenn ich niemals auch nur annähernd die Meisterschaft Hertas erreichen werde, gehören ihre Backrezepte zu meinen größten kulinarischen Schätzen. 

Beide werden wohl für immer in meiner Bildergalerie hängen: natürlich die einmalige Herta. Aber auch und das sei mir ohne parteipolitisches Kalkül gestattet, als einer der wenigen Politiker, der in Niedersachsen geborene Bernhard Vogel. 

Zwei Menschen, ohne die Thüringen ein Stück ärmer wäre. 

Das Geheimnis von Hertas Hefeteig:

Für zwei Kuchen: 

500 g Weizenmehl

120 g Zucker

175 ml Milch

40 g Hefe

175 g Butter ;Prise Salz

Und Herta befahl: „Küche heizen, dass sich Schmetterlinge darin wohlfühlen!“ 

Dann das angewärmte Weizenmehl in eine nicht zu kleine Schüssel sieben. In eine Vertiefung in der Mitte des Mehls lauwarme Milch gießen in der man die Hefe eingebröselt hat und die Hälfte des Zuckers verquirlt hat. Alles zu einem dickflüssigen Brei verrühren. Die in Flöckchen zerpflückte Butter, die Prise Salz und den restlichen Zucker hinzufügen.

Abgedeckte Schüssel warm stellen und zwanzig bis dreißig Minuten quellen lassen. Ist das Hefestück aufgegangen.

Hefeteig 1. Variante (eignet sich besonders gut für Obstkuchen): ein Ei untermengen und nach und nach das Mehl unterkneten. Der Teig sollte straff aber nicht zu fest sein. Schüssel erneut abdecken und mindestens eine Stunde in der überheizten Küche ruhen lassen.

Bei der Variante zwei kein Ei und ca. 30-40 ml mehr Milch, sowie 50g weniger Butter unterarbeiten. Variante zwei eignet sich hervorragend für trockene Kuchen.

Teig teilen, auf bemehlter Unterlage dünn ausrollen und auf gut gefettete Bleche legen. 

Erinnerungen von Prof.Dr. Georg Kähler

Guten Abend, Herr Wenzel, 

ich fand Ihre lustige Homepage zum Kurhaus Masserberg und das rief bei mir intensive Kindheitserinnerungen auf. Mein Vater, Prof. Ernst Kähler, findet sich ja auf Ihrer Gästeliste, meine Mutter Sibylla Kähler, geb. von Kirchbach, war natürlich auch dabei und manchmal durfte ich als Kind mit.Irgendwie war es unglaublich, mitten im DDR-Alltag so eine Insel bildungsbürgerlichen  Selbstbewußtseins zu finden, in der ein sehr stilvolles Understatement gepflegt wurde. Für mich war es als Kind faszinierend und im Nachhinein fast märchenhaft, mit Hans-Joachim Rotzsch und Georg Trexler über Modelleisenbahnen zu fachsimpeln und Monopoly zu spielen oder mit Prof. Holzweissich und seinem Sohn Michael bei Spaziergängen an den Bächen im Wald aus alten Konservendosen ober- und unterschlächtige Wasserräder zu bauen.

Hinsichtlich der Zusammensetzung der Gäste ist mir noch eine Episode in Erinnerung. Herr Zitzmann fragte meinen Vater wegen einer Anfrage eines jungen Professors für Marxismus-Leninismus. Mein Vater, der ungern schlecht über andere Menschen sprach, meinte nur, daß sei so ein neuer Professor,  den er gar nicht richtig kennen würde. Herr Zitzmann hatte verstanden. 

Mit freundlichen Grüßen 

Prof.Dr. Georg Kähler

Das Geheimnis der Kalten Mamsell

  

Bildergalerie zum Artikel Erinnerungen an Masserberg von Dr. Klaus Lehnert

 

Bildanmerkung:

Links oben der Autor als Junge im Alter von 9-10 Jahren am Hungerborn