Geschichte und Tante Herta

Herta Machold (30.08.1911-27.04.2005) und das alte Kurhaus von Masserberg

(Text: Horst Golchert, Masserberg)

Heinrich Zitzmann ließ 1906 das Kurhaus in Masserberg bauen. Das alte Kurhaus, wie es heute von den Masserbergern genannt wird, hat viel dazu beigetragen, den hoch gelegenen und damals von der Außenwelt abgeschiedenen Rennsteigort bekannt zu machen. Persönlichkeiten, wie der Dirigent Prof. Hermann Abendroth oder der Afrikaforscher und Erstbesteiger des Kilimandscharo Hans Meyer, waren Gäste des Kurhauses und haben die Ruhe und das besondere Klima in Masserberg genossen. Neben einer eigenen Wasserleitung hatte das Hotel einen Tennisplatz und später sogar eine hauseigene Tankstelle.

Zu Zeiten der DDR war das Kurhaus Vertragshaus der Sächsischen Akademie der Wissenschaften Leipzig.

Zu den treuesten Gästen des Kurhauses und Masserbergs gehörte der Bremer Kaufmann Wilhelm Schild. Ab 1911 verbrachte er über ein Vierteljahrhundert, ohne auch nur einmal zu fehlen, seinen Urlaub im Kurhaus. Der Bremer Kaufmann, der viele Einheimische mit dem Vornamen kannte, und der Arzt Prof. Franz Volhard (1872-1950) sind bis heute die einzigen Ehrenbürger Masserbergs. 1932 feierte der weltbekannte Mediziner seinen sechzigsten Geburtstag im Kurhaus. Er verteilte an alle Haushalte die Zutaten für einen Kuchen, damit das ganze Dorf an seinem Geburtstag teilhaben konnte.

Als Herr Schild aus gesundheitlichen Gründen seinen Urlaub nicht mehr in Masserberg verbringen konnte, charterte er sich ein Flugzeug und besuchte auf diese Weise zum letzten Mal seinen geliebten Ferienort. Nachdem das Flugzeug Masserberg mehrmals umkreist hatte, warf der Bremer eine kleine Kiste aus dem Flugzeug und verabschiedete sich mit einem Brief vom Kurhaus und von Masserberg.  

1928 kam die damals 17-jährige Herta Machold in das Kurhaus, welches sie nach dem Tod von Paul Zitzmann 1969 erbte. Nur zweimal in diesen 77 Jahren hat Herta bis zu ihrem Tod im Jahr 2005 freiwillig das Kurhaus für Tagesreisen nach Erfurt verlassen; das letzte Mal, als sie im Februar 2003 in Erfurt mit dem Thüringer Verdienstorden ausgezeichnet wurde. „Wenn ich nur erst wieder zu Hause wäre“, sagte Herta, als sie zur Auszeichnungsfeier in die Thüringer Landeshauptstadt fahren musste. Ihr ganzes Leben spielte sich in ihrem Kurhaus und dem großen Garten ab. Hier war ihr Reich, ihre Welt, in der sie sich glücklich und zufrieden fühlte und nichts vermisste. „Ich brauche nicht wegzufahren“, sagte Herta, „meine Gäste erzählen mir doch alles.“ Es hat sich im alten Hotel seit 1906 nicht viel verändert, das ganze Haus ist ein Museum. Als der Mitteldeutsche Rundfunk 1994 für eine Sendung in Masserberg drehte, kam der Fernsehfunk am Kurhaus nicht vorbei. „Hier kann man ja einen ganzen Film drehen“, sagte der Moderator Robby Mörre, nachdem er sich im alten Hotel umgesehen hatte.

Ein Jahr darauf brachte der MDR eine kleine Geschichte über Herta Machold und ihr Haus. In der Sendung war zu erfahren, dass das Kurhaus wahrscheinlich das einzige Hotel in Deutschland war, wo die Wäsche (bis zu Hertas Tod) noch mit der Hand gewaschen, gestärkt und im Garten gebleicht wurde. Als man der Herta vor Jahren eine Waschmaschine schenken wollte, sagte sie: „Die ist doch viel zu klein, da geht ja überhaupt nichts rein.“ Einmal in der Woche, meistens am Montag, hat Herta die Dielen in ihrem Kurhaus mit Bohnerwachs versehen und danach mit dem Bohnerbesen blank gerieben. Es war, wie Herta mir erzählte, gar nicht so einfach, Bohnerwachs aufzutreiben, weil fast keiner mehr damit arbeitete.

Tante Hertha
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93 Jahre wurde Tante Herta, wie man sie hier nannte, am 30. August 2004. Prof. Rotzsch, der ehemalige Thomaskantor, der zu Hertas treuesten Gästen gehörte, kam immer noch zu ihren Geburtstagen nach Masserberg. Als der weltbekannte Thomanerchor mit Prof. Rotzsch nach einem Konzert in Eisfeld im Hof des Kurhauses auftauchte, um der Herta ein Ständchen zu singen, war es selbst für sie, die sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen ließ, eine große Überraschung. Es ist wohl anzunehmen, dass es in Deutschland keine ältere Hotelleiterin als Herta Machold aus Masserberg gab.

Schon immer stand im Stall des Kurhauses eine Kuh. Seit den Siebzigerjahren lebte im einst ersten Haus am Platz die einzige Kuh, die von einer riesigen Kuhherde übrig geblieben war. Herta gab ihr den Namen Bienchen, weil sie viel Milch gab. Als mich Herta einmal mit in den Stall nahm, um mir ihre gut gepflegte Kuh zu zeigen, sagte ich zu ihr, dass sie Bienchen auch mal auf eine Wiese treiben müsste. Worauf Herta zu mir sagte, dass die Kuh gleich nebenan ihr Fenster hat, aus dem sie schauen kann und damit voll zufrieden ist. Soviel ich weiß, hat Bienchen in ihrem Leben nie den Stall verlassen. Eines Tages um die Mittagszeit kamen die Masserberger Kindergartenkinder in das Kurhaus, um sich die Starkuh anzuschauen. Herta sagte aber zu den Kleinen, dass Bienchen gerade Mittagsruhe hält und im Moment nicht zu besichtigen ist. Zu den Stallgenossen der Kuh gehörten noch zwei gut genährte Schweine. Kurz vor Weihnachten wurden sie geschlachtet. Besorgt meinte Herta, dass Bienchen nun schon fast eine Woche lang nicht mehr richtig gefressen hat, weil ihre beiden Stallkumpane weg waren und sie sich einsam fühlt. Im Oktober 1997 hat Bienchen, die durch ihren Fernsehauftritt weit über Thüringens Grenzen hinaus bekannt wurde, im zwölften Lebensjahr das Zeitliche gesegnet. Herta vermutete, dass Masserbergs letzte Kuh nicht ganz so alt wie ihre Artgenossen wurde, weil sie nie im Freien geweidet hat. Zu Hertas Lieblingstieren zählte auch Kater Purzel, ein großer Kater mit einem riesigen Kopf, der ganz auffällig mit dem Hinterteil wackelte, wenn er in seinem Revier unterwegs war. Ganz dünn und schlecht sah der Kater aus, als ich wieder einmal im Kurhaus vorbei schaute. „Mit dem Purzel sah es nicht gut aus“, meinte Herta, „aber ich habe ihn auf dem Boden ins Heu gelegt, Heu zieht die Krankheit aus dem Körper. Jetzt geht es mit dem Purzel wieder aufwärts.“ Der Kater war Hertas am besten erzogene Katze. Purzel hat nie einen Vogel gefressen. Er machte, wie Herta erzählte, sogar einen Bogen um die gefiederten Freunde, damit er sie nicht stört. Als Purzel merkte, dass es mit ihm zu Ende geht, wich er seiner Herrin nicht mehr von der Seite. Hertas Vierbeiner hatten es gut in dem Haus mit dem großen Garten, sie unterhielt sich mit ihren Tieren wie mit Menschen.

Saß man bei Kerzenschein im gemütlichen Gastraum, mit alten Seidentapeten an den Wänden, großen Kronleuchtern an der Decke, dem grünen Kachelofen am Eingang des Raumes und der riesigen, holzvertäfelten Standuhr, die bei zehn Minuten vor 16 Uhr stehen geblieben ist, fühlte man sich in eine andere Zeit versetzt und konnte glauben, dass jeden Moment ein befrackter Kellner mit einem weißen Tuch über dem Arm um die Ecke kommen könnte, um die Bestellung aufzunehmen. Diese Atmosphäre war es wohl, weshalb die Gäste am Wochenende so gerne in das alte Hotel kamen. Selbst der Weltstar Hildegard Knef ließ es sich nicht nehmen, Hertas Kaffee und Kuchen zu probieren, als sie zu einem Auftritt in Masserberg weilte.

In seiner Glanzzeit hatte das Kurhaus 32 Angestellte. Zu ihnen gehörte auch der alte Hausmeister Josef. Er versah die von den Gästen vor die Zimmertür gestellten schmutzigen Schuhe mit der Zimmernummer, brachte sie in seiner Werkstatt auf Hochglanz und trug sie danach wieder an ihren Platz zurück.

Es ist schön, dass es in unserer kurzlebigen und hektischen Zeit noch solch eine Oase gab, an der die Zeit vorbei gegangen war.

Am 24. April, an einem Sonntag, öffnete Herta das alte Kurhaus zum letzten Mal für ihre Kaffeegäste. Es wird den Geruch von Bohnerwachs, von warmen Kuchen und frisch gebrühten Kaffee, der das alte Hotel durchzog, nicht mehr geben.

Fast bis zu ihrem letzten Tag stand Herta in der Küche an ihrem großen Ofen und an dem langen Tisch und bereitete den gefilterten Kaffee und die leckeren Kuchen für die Kaffeegäste vor, die an den Wochenenden pünktlich um 14.30 Uhr in das alte Kurhaus gelassen wurden.

Schon lange hatte es sich weit über Masserbergs Grenzen hinaus herumgesprochen, dass Hertas Kaffee und Kuchen zum Besten gehörten, was es in dieser Richtung gibt. Jeden Sonnabend- und Sonntagnachmittag gab Herta ihr Kurhaus zum Kaffeetrinken frei. Es mutete schon nostalgisch an, wenn die 93-Jährige an dem riesigen, fast einhundert Jahre alten Ofen stand, und den Kaffee per Hand filterte.

Herta brauchte keine Werbung für ihr Kaffeegeschäft, ihre Gäste spürten, dass sie hier etwas erlebten, was es nach Herta nicht mehr geben wird.

Am 27. April 2005 hat Herta ihr Kurhaus für immer verlassen.

Verschiedene Fundstücke

Die Bildrechte liegen bei Mattias Kaiser / art d´cuisine Erfurt bzw. dem Verlag grünes herz Ilmenau, Herrn Cornelius Geiger aus Weissenfels sowie Dr. Wenzel, Leipzig.